1.Todestag

Die Trauerbewältigung um einen verstorbenen Menschen ist ein Prozess, in dem wir immer wieder verschiedene Hürden bewältigen müssen. Bestimmte Tage stellen eine große emotionale Anforderung an uns Hinterbliebene: das erste Weihnachtsfest ohne den toten Angehörigen, sein erster Geburtstag nach seinem Tod, der Hochzeitstag als Witwe oder Witwer, der erste Jahrestag des Todes. Diese Tage rufen gerade im ersten Jahr nach dem Todesfall all die schmerzlichen Emotionen wieder wach, mit denen wir seitdem zu kämpfen haben. So oft wir auch im Alltag an den Verstorbenen denken , an diesen speziellen Tagen steht das Gedenken an ihn oder sie sicher besonders im Vordergrund. Wir erleben den Todestag noch einmal ganz eindringlich, wir können uns an die Gefühle und Reaktionen oft wieder so erinnern, als wäre es erst vor kurzem gewesen. Und doch hat auch die vergangene Zeit ihren Beitrag geleistet, so dass neben den Momenten der Trauer auch schon wieder tröstende Erinnerungen auftauchen können: das letzte liebevolle Lächeln, die Freude über einen kleinen Gefallen, das spontane Lachen über eine witzige Situation. Deshalb wird sich der Todestag immer mehr von einem Tag des Schmerzes in einen Tag des liebevollen und tröstlichen Gedenkens wandeln, an dem wir dem Verstorbenen noch einmal danken könne , dass er unser Leben bereichert hat. Den meisten Menschen ist es dabei ein Anliegen, diesen Tag besonders zu begehen. Seit Jahren begleite ich Trauernde und erlebte immer wieder wie individuell die Trauer ist. Jeder hat seine eigene Art zu trauern ,es gibt kein richtig oder falsch. Vor ca.1,5 Jahren bekam mein Vater die Diagnose Lungenkrebs und ich bin dankbar ,dass ich die Kraft hatte ihn auf seinem Weg von der Diagnose bis zum Tod begleiten zu können. Es war für uns beide eine wertvolle Zeit die wir bewusst genutzt haben. Die letzten 3 Wochen lag er im Krankenhaus und wegen Corona durfte ihn niemand besuchen. Zum Glück hatte ich eine OP im selben Krankenhaus und durfte ihn die Woche vor seinem Tod jeden Tag besuchen. Er ahnte das es zu Ende geht und erklärte mir wo und wie er beerdig werden möchte. In der folgenden Woche ging es ihm immer schlechter. Ab dem Tag bevor er starb durften wir zu Besuch kommen und ich blieb die ganze Nacht bei Ihm. Wir redeten die halbe Nacht und er bat mich dafür zu sorgen, dass er Medikamente bekommt und dadurch keine Schmerzen hat. Am nächsten Tag ist er verstorben . Wir konnten auf der Palliativ Station eine kleine Verabschiedung mit der engsten Familie gestalten. Ich habe bewusst alles so gemacht wie ich es in meinen Begleitungen den Trauernden erklärt habe. Ihn gewaschen, nochmal angeschaut bevor der Sarg geschlossen wurde, etwas persönliches mitgegeben, die Beerdigung mitgestaltet ,ein Bild aufgestellt und die Trauer zugelassen. Am Samstag ist der 1. Todestag und ich merke wie präsent meine Trauer gerade wieder ist .Ich schwanke zwischen Traurigkeit und Dankbarkeit .Schaue Bilder an , höre einige Sprachnachrichten und lasse meine Tränen fließen.



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